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Soziales Netzwerk und psychische Gesundheit junger Menschen in der Schweiz

Ein LIVES-Team unter der Leitung von Prof. Eric Widmer hat die Ausschreibung um die Durchführung der Jugendbefragung ch-x des Bundes für 2020-21 gewonnen. Die ersten Tests des computergestützten Fragebogens werden im Juni 2018 stattfinden. Die Forschenden werden eine Kartographie des Sozialkapitals junger Menschen, die zu Beginn des Jahrtausends geboren wurden, im Zusammenhang mit ihrer psychischen Gesundheit und ihren Zukunftsplänen auf nationaler Ebene erstellen.

Alle zwei Jahre wird ein neues Team von WissenschaftlerInnen beauftragt, eine Befragung aller jungen Menschen in der Schweiz durchzuführen, die im Alter von 19 Jahren in die Armee einberufen werden. Der Fragebogen wird auch 3000 gleichaltrigen jungen Frauen und ausländischen Staatsangehörigen im ganzen Land vorgelegt, wodurch eine ausserordentlich vollständige Darstellung derselben Kohorte ermöglicht wird. Jede der Jugendbefragungen ch-x bezieht sich auf ein anderes Thema und wird im Rahmen eines offenen Auswahlverfahrens vergeben.

Für die Umfrage 2020-21 hat ein Projekt von Eric Widmer, Professor für Soziologie an der Universität Genf und Co-Leiter des Nationalen Forschungsschwerpunkts LIVES, in Zusammenarbeit mit Ivan de Carlo, Eva Nada, Marlène Sapin und Gil Viry den ersten Platz dieser Ausschreibung belegt. Mit Hilfe von Eva Nada und Myriam Girardin, die am Aufbau des Projekts beteiligt sind, untersuchen die Forschenden die Zusammenhänge zwischen dem Sozialkapital der Befragten und ihrer Wahl von Ausbildung und Beruf. Die Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Westschweiz (HETS) führt den qualitativen Teil des Projekts durch.

Wo sehen junge Menschen sich in zehn Jahren? Und welche Bedeutung hat ihr persönliches Netzwerk für diese Wünsche? Zwischen Juni und September 2018 werden etwa 100 Stellungspflichtige den Fragebogen, mit dem die für das Projekt erforderlichen Daten erfasst werden sollen, auf digitalen Tablets testen. Anschliessend muss die Umfrage dann vom Wissenschaftlichen Ausschuss und den Mitgliedern der Kommission ch-x validiert werden.

Wenn in den Jahren 2020-21 die eigentliche Datenerhebung für alle Befragten stattfindet, verfügen die Forschenden in der Folge über einzigartiges Material, um eine Kartographie der sozialen Netzwerke junger Menschen in der Schweiz zu erstellen, bei der Geschlecht, sozialer Hintergrund und geographische Lage berücksichtigt werden.

Netzwerke in Form einer Kette oder Brücke

Die Forschung ist besonders daran interessiert, die Wirkung von Netzwerken des „Ketten“-Typs, d. h. Netzwerke, die aus stark miteinander verbundenen Menschen bestehen, mit Netzwerken des „Brücken“-Typs zu vergleichen, bei denen das Individuum von Menschen umgeben ist, unter denen es nur wenig oder gar keine Interaktion gibt. Ein Netzwerk, das Aspekte der Typen „Kette“ und „Brücke“ kombiniert, entspricht im Allgemeinen einem höheren Sozialkapital, bei dem die durch den „Kettentyp“ erzeugte Solidarität der Gruppe mit der Vielfalt der Kontakte und der Autonomie ergänzt wird, die der Typ „Brücke“ bietet.

Als erste Frage gilt es daher herauszufinden, welche sozialen Faktoren mit diesem Sozialkapital verbunden sind. „Aufgrund der Grösse der Stichprobe von ch-x können wir präzise bewerten, auf welche Weise die soziale Herkunft, die familiäre Struktur, aber auch der Wohnort und die geographische Mobilität ganz spezifische Beziehungssituationen für junge Erwachsene erzeugen, die wiederum unterschiedliche Ressourcen mobilisieren“, unterstreicht Eric Widmer.

Die Teilnehmenden werden zu den Personen (insgesamt maximal 15) befragt, die in den vergangenen zwölf Monaten eine wichtige Rolle in ihrem Leben gespielt haben, sei es in der Familie, unter Freunden, in der Schule, im beruflichen Umfeld oder in Vereinen, Gruppen oder Verbänden, denen sie angehören. Dabei wird darauf hingewiesen, dass diese Rolle positiv sein kann, in Form von Unterstützung, Beratung und Ermutigung, durchaus aber auch negativ, wenn diese Menschen sie entmutigen, sie von etwas abhalten oder sie verärgern.

Ambivalenz und Konflikt

Das Netzwerk kann in der Tat eine Konfliktquelle darstellen, wie Eric Widmer erläutert: „Wir gehen davon aus, dass Menschen, die gegenüber den Personen ihres unmittelbaren Umfelds ambivalente Gefühle hegen, aufgrund der damit einhergehenden Belastung weniger ehrgeizige Berufswünsche verfolgen, was sich unmittelbar auf ihre psychische Gesundheit auswirkt. Diese Kausalität kann allerdings auch umgekehrt werden, denn ein geringer Ehrgeiz kann Konflikte verursachen.“

Eine Reihe von Fragen, die von früheren Forschungen bestätigt wurden, werden sich mit der psychischen Gesundheit beschäftigen, um die Zusammenhänge zwischen Netzwerken, psychischer Verfassung und Berufswünschen statistisch zu analysieren. Der Zusammenhang zwischen Sozialkapital, psychischer Gesundheit und Werdegang sowie Eingliederung wurde in der Schweiz bislang noch nicht eingehend untersucht, so das Forscherteam.

(Text von https://www.lives-nccr.ch/de/actualites, News vom 26.4.18 "Welchen Einfluss hat das soziale Netzwerk ...")