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Erfolgreicher psy-congress mit 1600 Teilnehmenden

Die Partnertagung der Schweizer Psychiatrie mit NPG, iks und PMS thematisierte erstmals psychische Gesundheit aus der Generationenperspektive - für Fachleute, Betroffene und Angehörige

Medienmitteilung

PSY- Congress 2016 – Familie im Fokus

Die gemeinsam von den Verbänden der Schweizer Psychiater sowie der Kinder- und Jugendpsychiater, dem Institut Kinderseele Schweiz, dem Netzwerk Psychische Gesundheit Schweiz sowie die Stiftung Pro Mente Sana gemeinsam organisierte Veranstaltung rückte so vom 17.-19. August 2016 in Basel die gesamte Familie ins Zentrum. Über 1'600 Expertinnen und Experten besuchten die rund 130 Weiterbildungsveranstaltungen, die der Kongress bot. Bundesrat Alain Berset hatte das Patronat übernommen. Erstmals stand ein Nachmittag des Fachkongresses auch Betroffenen und Angehörigen offen.

Psychische Erkrankungen können von Essstörungen über Angststörungen bis hin zu Depressionen oder Schizophrenie reichen. Dem Bericht «Psychische Gesundheit in der Schweiz» aus dem Jahr 2015 zufolge ist jeder fünfte Schweizer betroffen. Das Lebenszeitrisiko an einer behandlungsbedürftigen psychischen Krankheit zu leiden, beträgt gar 50%. Etwa jede dritte psychisch erkrankte Person hat eigene Kinder. Internationale Studien zeigen, dass bei etwa der Hälfte der Betroffenen bereits andere Familienmitglieder an psychischen Erkrankungen litten. Solche Familien sind nicht nur oft sehr belastet, das Risiko der Kinder Betroffener selber an einer psychischen Krankheit zu erkranken, ist deutlich erhöht. Eine Übertragung von Generation zu Generation muss daher unbedingt verhindert werden. Laut dem Kongresskomitee gab dies den Ausschlag für das diesjährige Thema der Veranstaltung – übrigens erst die weltweit fünfte, die sich der Generationenperspektive widmete. «Die Rollen und Aufgaben von Betroffenen in ihrer Familie werden leicht übersehen, ebenso die komplexen Auswirkungen auf andere Familienmitglieder», betonen die Organisatoren in ihrem Vorwort.

Prägende Familiengeschichten

Clemens Hosman von der Radboud University Nijmegen und der Maastricht University ist Mitglied des internationalen Netzwerks «Parental and Family Mental Health Worldwide», das auf diesem Gebiet der transgenerationalen psychischen Gesundheit forscht. In seinem Eröffnungsvortrag betonte er, dass Kinder von psychisch Kranken ein bis zu 13-fach höheres Risiko haben, selber ein psychisches Leiden zu entwickeln, als andere Kinder. In Holland seien an die 577'000 Minderjährige gefährdet. In der Schweiz sind dies geschätzte 300'000 Kinder. «Transmission ist einer der Hauptursachen für neue psychische Erkrankungen», sagte er. Psychiatrische und psychotherapeutische Behandlungen müssen daher auch auf die Familie zielen. Besonders hohe Risiken haben ihm zufolge beispielsweise sehr junge Kinder, Kinder von belasteten Schwangeren, von Eltern mit psychischen Problemen, aus Konfliktfamilien oder Flüchtlingsfamilien. Es gebe Interventionen, die diesen Kindern nützen, betont er: «Je früher diese erfolgen, desto effektiver sind diese». Er empfehle diese effektiven Interventionen auch in der Schweiz anzuwenden. «Die psychische Gesundheit einer Familie beginnt mit den Eltern», bestätigt auch Joanne Nicholson von der Geisel School of Medicine aus Dartmouth. Ihr zufolge zeigen über zwei Drittel der Kinder, die destruktiven Konflikten zwischen den Eltern ausgesetzt sind, gravierende Verhaltensprobleme. «Die Partnerschaftsqualität ist ein wichtiger Prädiktor für das psychische und physische Befinden aller Familienmitglieder», ergänzt der Klinische Psychologe Guy Bodenmann von der Universität Zürich, der ebenfalls einen Plenarvortrag am PSYKongress gehalten hat.

Offene Türen

«Mit dem Thema wollen wir einen Beitrag gegen die Stigmatisierung und die Ausgrenzung von psychisch Erkrankten und ihren Familien leisten», betont Kurt Albermann einer der beiden Co-Präsidenten des Kongresskomitees. Und ergänzt, dass «insbesondere auch die Bedürfnisse betroffener Kinder und Jugendlicher berücksichtigt werden sollen». Als einer der Hauptredner thematisierte Paul Hoff dazu den wichtigen Aspekt der Patientenautonomie als eine der Herausforderungen der Generationenperspektive in der Psychiatrie. Im Fokus des Kongresses stand somit zum transdisziplinären Dialog zwischen den Fachpersonen auch der Dialog mit den Patientinnen und Patienten und ihren Angehörigen. Dies motivierte ferner, den Kongress um einem Nachmittag für Betroffene und Angehörige zu erweitern. Das Fachgebiet habe in der vergangenen Jahren eine grosse Wandlung hin zu offenen Türen durchgemacht, sagt auch Pierre Vallon, der Präsident der Schweizer Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie: «Wer früher einen Psychiater sah, war meist im Spital und eingesperrt». Heute kommunizieren er und seine Kolleginnen und Kollegen auf Augenhöhe mit den Patientinnen und Patienten. Laut ihm, sind beide – Psychiater und Patient – Experten auf ihrem Gebiet.

Vererbte Wunden

Die Publikumsveranstaltung des PSY-Kongresses startete mit einem Gespräch zwischen einem Betroffenen, der ehemaligen Miss Schweiz und Angehörigen Bianca Sissing und einer Psychologin. Thema war die Herausforderung der generationenübergreifenden psychischen Gesundheit. Die anschliessende Podiumsdiskussion bezog die engagierten Organisationen sowie verschiedene Referenten des Kongresses mit ein. Die Diskussionsrunde war sich einig, dass es nach wie vor wenig braucht, dass sich die Vorurteile gegen psychische Erkrankte verbreiten. Insbesondere die Angehörigen und Betroffenen fordern mehr Akzeptanz und Respekt und weniger Scham. Bianca Sissing, die ihre Erfahrung als Tochter einer depressiven Mutter in einem Buch verarbeitete und in einer Lesung daraus zitierte, forderte Offenheit: «Wir haben alle eine eigene Geschichte und oft machen wir uns nicht die Mühe, mehr über die Geschichte unseres Gegenübers zu erfahren». Der Abschluss des PSY-Kongresses stand im Zeichen einer Weltpremiere: Erstmals zeigten die Regisseure Phil Borges und Kevin Tomlinson den Dokumentarfilm CrazyWise. Der Film zeigt anhand persönlicher Erfahrungen von porträtierten Menschen, wie eine psychologische Krise in eine positive Erfahrung transformiert werden kann. Dabei vergleicht der Film auch das Wissen von indigenen Völkern und westliche Ansätze im Zusammenhang mit psychischer Gesundheit.

Grenzen bewegen

Dr. Kaspar Aebi, Co-Präsident des Kongresskomitees sieht im grossen Engagement der Kongressteilnehmer einen Spiegel der Alltagssituation, in welcher ein hohes Engagement bestehe, die Bedürfnisse der Betroffenen wahrzunehmen und in den Behandlungsangeboten zu berücksichtigen. Dabei würden Psychiater, Psychotherapeuten und die Betroffenen auch immer wieder an gesellschaftliche, politische und finanzielle Grenzen stossen. Dies stelle allerdings gleichzeitig die Voraussetzung dafür dar, dass sich die Grenzen im Sinne einer konstruktiven Weiterentwicklung und Verbesserung der Behandlungsangebote für Menschen mit psychischen Erkrankungen bewegen.

Die Veranstalter:

Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP) ist die Fachgesellschaft der Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie mit rund 2'000 Mitgliedern. Die Schweizerische Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -Psychotherapie (SGKJPP) ist die Fachgesellschaft der Kinder- und Jugendpsychiater mit 500 Mitgliedern. Im Dachverband FMPP sind die beiden Fachgesellschaften zusammengeschlossen. Die Verbände vertreten die Anliegen der Mitglieder gegenüber der Ärzteschaft, den Versicherungen und der Politik. Darüberhinaus sind sie verantwortlich für die Weiterentwicklung des Fachgebiets, die Weiter- und Fortbildung, für die Qualitätssicherung und vieles mehr. Die Fachgesellschaften engagieren sich für die Anerkennung von psychisch kranken Menschen und für eine gute psychiatrische-psychotherapeutische Versorgung. www.psychiatrie.ch

Das Netzwerk Psychische Gesundheit Schweiz (NPG) unterstützt auf nationaler Ebene den Wissenstransfer zwischen Akteuren der psychischen Gesundheit, macht innovative Ansätze zugänglich und fördert Synergien. Es ist eine Nonprofit- Organisation getragen von Bund, Kantonen und Gesundheitsförderung Schweiz, und verbindet knapp 200 Organisationen, Institutionen und Unternehmen, die sich für die psychische Gesundheit in der Schweiz engagieren. www.npg-rsp.ch

Das Institut Kinderseele Schweiz (iks) setzt sich als Schweizerische Stiftung zur Förderung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen insbesondere für Kinder und Jugendliche von psychisch belasteten Eltern ein. Zudem vermittelt es Beratungs- und Unterstützungsangebote für betroffene Familien und bietet Weiterbildungen für Schulen und Fachpersonen an. www.iks-ies.ch

Die Stiftung Pro Mente Sana (PMS) ist im Interesse psychisch beeinträchtigter Menschen in der Schweiz tätig. Die Stiftung setzt sich für die Anliegen von psychisch erkrankten Menschen sowie gegen Vorurteile und Benachteiligungen ein. Sie wirbt in der Öffentlichkeit um Verständnis für psychisch kranke Menschen, fördert die Selbsthilfe und setzt sich für Empowerment sowie für Behandlungsangebote, die Recovery-orientiert (Genesung) sind, ein. www.promentesana.ch  

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